Das Wetter vor 15 Jahren – Wolf Haas (2006)

Dieses Buch war eines der Bücher wegen derer ich auf die letztjährige Buchmesse gefahren bin und es hat sich gelohnt, es dort zu erwerben. Wolf Haas ist oder sollte uns allen ja bekannt sein als Autor der Brenner-Kriminalromane, von denen zwei hervorragend mit Josef Hader verfilmt wurden (Komm, süßer Tod, Silentium). Da die Brenner-Romane im letzten Band (Auferstehung der Toten) einen genialen Abschluss fanden, war klar ein Kriminalroman kann nun nicht mehr kommen und auch die Vermischung von Popliteratur und Populärliteratur, die Haas auf seine lakonische Brenner-Art perfektioniert hatte, schien unwahrscheinlich.

Tatsächlich ist Das Wetter vor 15 Jahren ein literarisches Experiment, denn es handelt vom neuen Buch des Autors Wolf Haas Das Wetter vor 15 Jahren und stellt sich als Interview einer Feullitonistin mit dem Autor des Buches dar. Klingt komplex, macht aber Spaß und eckt an. Gekonnt werden die Handlungsstränge und die Hintergrundinformationen dieser fiktiven Geschichte als wahre Begebenheiten konstruiert und das Gespräch der deutschen Journalistin mit dem österreichischen Autor spiegelt auch den Plot dieses deutsch-österreichischen Dramas wider. Das Buch, das in auf 250 Seiten besprochen wird, handelt von dem Ruhrpott-Nerd Vittorio Kowalski, der alle Wetterdaten seit 15 Jahren auswendig kennt, allerdings nur aus dem österreichischen Bergdorf, in dem er mit seinem Eltern Urlaub zu machen pflegte. Als dieser bei Wetten dass …? einen Auftritt hat und Thomas Gottschalk ihn nach dem ersten Tag seiner mentalen Aufzeichnungen und somit dem letzten Tag seines Jugendlichen Aufenthaltes befragt, findet sich Vittorio wieder in eine alte Liebesgeschichte zurückversetzt. Um einen Kuss zu bekommen, den er nie erhalten hat, fährt er spontan in das Bergdorf, um dort eine schreckliche Entdeckung zu machen … und der Autor hat sich ihm an die Versen geheftet.

Wolf Haas spielt wieder mit der Erzählperspektive, und das auf beiden Ebenen des Buches. Während er mit der Feullitonisten die Perspektivwechsel des fiktiven Romans noch expliziert, wird der Leser etwas ratlos mit dem Sujet zurückgelassen. Ein Interview als Roman bzw. ein Roman als Interview? Ein gewagtes Experiment, das mir jedoch einen Heidenspaß machte und zu keinem Zeitpunkt langweilig wurde. Leicht zu lesen, viel zu staunen gibt es also bei Wolf Haas Das Wetter vor 15 Jahren.

Dieses Buch ist Taschenbuch bei dtv für 8,90€ erschienen.

Homo Faber – Max Frisch (1957)

Homo Faber heute, das ist Schullektüre. Das sind die fragenden Blicke der Schüler der 9ten, 10ten und 11ten Klassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Buch von Max Frisch, immerhin einer der wichtigsten drei deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist wahnwitzig unbeliebt in den Klassenräumen dieser Welt, und das trotz seiner einfachen Lesbarkeit. Warum ist das so?

Ich muss dazu sagen, dass ich das Buch auch in der Schule absolut prima fand. Wir haben es damals in Kontrast zum antiken Ödipus-Mythos gelesen und das erzeugte tatsächlich einen Spannungsmoment beim Lesen. Letztendlich sehe ich dennoch ein, dass Homo Faber für die Schule nur bedingt geeignet ist. Irgendwo passt die Alt-Herren-Theatralik nicht in Klassenzimmer. Der alternde Protagonist Walter Faber, Technokrat durch und durch, verfasst hier eine Autobiographie des Scheiterns. Sein Technikglaube scheitert, seine “Familie” scheitert, und am Ende scheitert er auch in seiner Menschlichkeit. Blind (im metaphorischen Sinne) geistert er durch die Erste und Dritte Welt, unfähig sich sein Scheitern einzugestehen. Dabei diktiert vor allem vor allem das andere Geschlecht seinen Untergang, am anderen, romantischen und so untechnokratischen Leben. Ich mag dieses hilflose Stakkato in Walter Faber Diktus. Seine Sprache spiegelt seine Lebenswelt so fantastisch wider.

Unsere Reise nach Italien – ich kann nur sagen, dass ich glücklich gewesen bin, weil auch das Mädchen, glaube ich, glücklich gewesen ist trotz Altersunterschied. (…) Wir hatten fantastisches Wetter. Was mir Mühe machte, war lediglich ihr Kunstbedürfnis, ihre Manie, alles anzuschauen. Kaum in Italien, gab es keine Ortschaft mehr, wo ich nicht stoppen mußte: Pisa, Florenz, Siena, Perugia, Arezzo, Orvieto, Assisi. – Ich bin nicht gewohnt, so zu reisen. In Florenz rebellierte ich, indem ich ihren Fra Angelico, offen gesagt, etwas kitschig fand. Ich verbesserte mich dann: Naiv. Sie bestritt es nicht, im Gegenteil, sie war begeistert; es kann nicht naiv genug sein.

Was ich genoß: Campari!

Meinetwegen auch Mandolinen-Bettler -

Was mich interessierte: Straßenbau, Brückenbau, der neue Fiat, der neue Bahnhof in Rom, der neue Rapido-Triebwagen, der neue Olivetti -

Ich kann mit Museen nichts anfangen.

Und so beginnt das ungleiche (und eben doch sehr eng verbandelte Paar – Vater und Tochter, alter Mann und junge Geliebte) ihre Odyssee durch das alte, das antike, das kulturelle Europa. Und wie sich das für die Antike gehört kommt es zur Katastrophe, die nicht ganz so tragisch im Wortsinne ist, wie sie sich anfühlt. Und auch die Teichoskopie (der Mauerblick) zu Ende des Roman lässt ein Germanistenherz höher schlagen. Der totkranke Walter Faber wartet auf seine Krebs-OP und endet mit seinem letzten Eintrag, der technischer und zugleich naiver nicht sein kann:

08.05 Uhr

Sie kommen.

Dieses Buch ist als Suhrkamp-Taschenbuch für 8,00€ erschienen.



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