Der Pilot – Tobias Radloff (2007)

Um es gleich vorweg zu sagen, ich kenne den Autor persönlich und habe ihn anlässlich einer Lesung in unserer beider Heimat gatroffen und er durfte mir dieses Buch persönlich signieren. Das war vor ca. drei Wochen und es ist wirklich eine Schande, dass ich das Buch erst jetzt hier vorstelle. Auf knapp 150 Seiten erzählt Tobias Radloff einen – laut Einband – historischen Roman im England der 20er Jahre kurz nach dem Großen Krieg. Das besondere an dem Buch ist zunächst einmal seine Zweisprachigkeit. Langenscheidt hat eine ganze Reihe an zweisprachigen Büchern als so genannte Lernschmöker geplant, die anders als früher den englischen Text ganz einfach in die Geschichten integrieren sollen. Da die Handlung in England spielt sind selbstverständlich alle Dialoge in Englisch. Blöderweise ist der Text ab und zu von Sprachübungen teils eher mäßigen Niveaus unterbrochen.

Dies Manko macht die Erzählung jedoch durch seine Leichtigkeit wieder wett. Der Deutsche Stefan Kowalski kehrt seinem Heimatland nach dem ersten Weltkrieg den Rücken und arbeitet in England als Krankenpfleger. Dort nimmt er die Stelle auf einem alten Gutshof in der Nähe von Birmingham am kriegsversehrten Piloten Lord Chesterfield zu pflegen. Den Job hat er natürlich wegen einer Frau angenommen, der allzu naiven Tochter des Lords – eine Sängerin in den Theatern Londons, die von der großen Karriere am Broadway träumt.

Lord Chesterfield ist ans Bett gefesselt und liebt es in noch gar nicht so alten Feindbildern zu schwelgen. Ein Konflikt den Stefan Kowalski zunächst reichlich unerfolgreich aufzubrechen versucht. Schon als er sich dem Lord das erste mal vorstellt ereignet sich folgendes:

“A good day to you, your Lorship. As youmay have read in my letter of application, I have had several years of experience caring for invalids. I am sure we will get along very …” Weiter kam er nicht.
“Invalids?!”, brüllte Chesterfield. “You think I’m an invalid, impaired, a cripple? How dare you! I am a veteran of the Great War, wounded in battle while fighting against a squadronof bloody German Fokkers. Just remember that before insulting me again!”
Chesterfields Zornesausbruch traf Stefan völlig unerwartet. “Your Lordship … I didn’t …” Hilfe suchend sah er zu Hunt.
“Nonsense. I know what he meant.” Chesterfield richtete sich im Bett auf. “Lester, I want you to send him away. I will not have anyone on my staff who thinks I am a cripple.”

“Not a good start” würde der Engländer jetzt wohl sagen. Die Erzählung beschreibt also die Irrungen und Wirrungen der Aussöhnung der beide, mit einem Überraschungseffekt am Ende des Buches, den ich naiver Leser so tatsächlich nicht erwartet hätte. Mit bleibt nicht als diese kleine, aber feine Geschichte weiterzuempfehlen. Auf jeden Fall großartig um sein englisch mal wieder zu aktivieren, wenn man nicht so viele englischsprachige Bücher liest. Und auch sonst ein kurzweiliger Zeitvertreib.

Dieser Lernschmöker ist im Langenscheidt-Verlag als Paperback für 7,95€ erschienen.

29. September 2007 Belletristik, Neueste Literatur
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Die Dunkle Herrlichkeit – Uwe Durst (2007)

Ein leicht verfremdetes, düsteres Treppenhaus als Umschlagscover, 127 Seiten in drei Kapitel verteilt, ein schwarzes Hardcover Büchlein im handlichen Format und angenehmer Schriftgröße. Das sind die harten Fakten des Roman Debüts des Literaturwissenschaftlers Uwe Durst.
Durst promovierte über die Theorie der phantastischen Literatur. Ein Hinweis, was uns erwarten mag. Tatsächlich bewahrheitet sich dies. Was man nun unter Phantastik versteht? Das ist gar nicht so leicht zu fassen. Die Wissenschaft diskutiert weiter.
Aber denken wir etwa an Edgar Allan Poes Werke oder an H.P. Lovecrafts Kurzgeschichten. Etwas Unheimliches geschieht und die Protagonisten versuchen diesen Bruch der Realität zu verkraften oder eine Erklärung zu finden. Viele Leser werden dies wieder erkennen. Auch im vorliegenden Fall geschehen merkwürdige Dinge. Nach und nach offenbaren sie sich dem Leser und ziehen ihn mit sich in ein Verwirrspiel.

Anfangs erinnerte mich die Geschichte ein wenig an eine Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges. In 25. August 1983 trifft Borges sich selbst und führt ein Gespräch. Die Zeit scheint in einem Kreislauf gefangen und unabänderlich. Das Wissen über seine Zukunft ändert nichts für Borges.
Ein weiterer Gedanke der sich mir aufdrängte, waren die Bilder von M.C. Escher und seinen visuellen Effekten. In diesem Fall dachte ich an das Bild Treppauf und treppab. Dort steigen Personen eine Treppe hinauf, um dann wieder hinab zusteigen und wieder nach einer Runde an den Fuß der ursprünglichen Treppe zu gelangen.
Aber das trifft die Sache nicht, denn die Personen in Die dunkle Herrlichkeit sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben, scheinen fast(!) identische Geschichten und Angewohnheiten zu haben. Die in wiederkehrenden Gegenständen, Sätzen oder Erlebnissen immer wieder zum Vorschein tretenden Hinweise machen jedes Detail bedeutend. Öfters verspürt man das Bedürfnis kurz zurückzublättern und sich zu vergewissern. Hatten wir das nicht schon? Tatsächlich – fast. Aber eben nur fast. Vieles scheint sich nur zu wiederholen und ähnelt sich nur auf den ersten Blick.
So wie der Gemüsehändler Knef von seiner Frau betrogen wird, während er im Laden steht, widerfuhr es den Eltern des alten Mannes oder eben fast. Und was ist mit Georg Schroth, der eine ähnliche Geschichte mit sich trägt und ein ähnliches Abenteuer bei Frau Poignard sucht? All diese Affären sind der Auslöser für ein schreckliches Ereignis, welches geschehen ist und geschehen wird, auch wenn es wieder Unterschiede gibt.

Die Wohlgestalt der Ordnung ist von bedrückender Pracht. Ihre Herrlichkeit verknüpft alle Dinge und macht sie einander ähnlich, wie die Wiederkehr eines Refrains die Strophen eines Gedichts einander ähnlich macht und jeder Laut einer Zeile zugleich hineingeheftet ist in eine Folge verwandter Töne.

schreibt der Autor noch im ersten Kapitel und offenbart das Motto der Geschichte. Es ist ein Vergnügen den Ähnlichkeiten und Unterschiede der Handlungen zu Folgen und ihre Wiederkehr zu betrachten. Später findet sich folgender Satz:

Der ganze Vorgang ließ nur die Schlussfolgerung zu, dass Gott vollkommen wahnsinnig war.

Um diese Schlussfolgerung zu überprüfen, lege ich dem geneigten Leser Die dunkle Herrlichkeit ans Herz. Ein Roman der in sich auf bizarre, unheimliche Weise verknüpft ist und zu wilden Spekulationen einlädt.

Dieses Buch ist im Leinen-Einband im Mitteldeutschen Verlag für 16,00€ erschienen.

26. September 2007 Belletristik, Fantasy

Buchempfehlung von Robin Haseler
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