Verteidigung der Missionarsstellung – Wolf Haas (2012)


Wolf Haas ist ein Sprachkünstler. Und so ist dieses Buch eine Liebesgeschichte, eine Liebeserklärung an das Erzählen und ein Konglomerat an sprachphilosophischen Reflexionen gleichzeitig. Ein Roman zwischen Liebe und Sprache also, dabei mit durchaus aufklärerischem Eifer als wolle Wolf Haas seine Leser zu Linguisten bekehren. Oder zumindest zu einem Liebhaber von Sätzen Thomas-Mann’schen Ausmaßes.

Der U4-Text bringt auch schon einen Einblick in die Rahmenhandlung des Buches und in die lakonische Tonalität in der man einen Liebesroman eigentlich gar nicht schreiben kann.

Als ich mich das erste Mal verliebte, war ich in England, und da ist die Rinderseuche ausgebrochen. Als ich mich das zweite Mal verliebte, war ich in China, und da ist die Vogelgrippe ausgebrochen. Und drei Jahre später war ich das erste registrierte Opfer der Schweinegrippe. Sollte ich je wieder Symptome von Verliebtheit zeigen, musst du sofort die Gesundheitspolizei verständigen, versprich mir das.

Schon in seinen Brenner-Romanen, die als gemeine Regional-Krimis daher kamen, als auch bei seinem Interview-Roman Das Wetter vor 15 Jahren beweist Haas seinen Hang zu außergewöhnlichen Erzählperspektiven. In Verteidigung der Missionarsstellung springt der Erzähler ständig, zwischen verschiedenen Geschichten über ein und die selbe Person, die sich scheinbar widersprechen. Das ist ein Erzähllabyrinth mit überraschenden Verästelungen, und man ertappt sich de öfteren bei der Frage, wovon der gute Erzähler denn gerade spricht?

Die eigentliche Geschichte ist dabei eher dünn und nicht gerade überkomplex, die Wahrheitsebenen aber gezielt ungenau verwoben. Was bleibt ist eine Sprache zum Dahinschmelzen!

Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein zweihundertjähriger Butler mit dem trockenen Geräusch seiner wächsernen Lippen einen mitternächtlichen Geist in die Flucht schlagen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein Teilnehmer an einem neurophysiologischen Experiment trotz seiner durch eine Fehlsichtigkeitsbrille künstlich herbeigeführten Schasäugigkeit versuchen, mit seinen Lippen das Lippensymbol an der Laborwand zu treffen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein weltberühmter Tontechniker in einer allerletzten Feinabstimmung vor der alles entscheidenden Meisterwerkaufnahme testen, welchen Pegel allerfeinste, allertrockenste, direkt auf das Mikrophon gedrückte Lippengeräusche erreichen, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin gar nicht küssen, sondern als wäre er eine an Händen und Füßen gefesselte, allein in einen Tresorraum gesperrte Geisel, und dieser einsame Gefesselte musste gerade feststellen, dass er doch nicht allein, sondern zusammen mit einer lästigen Fliege eingesperrt war, die er nur mit einem Kussgeräusch verscheuchen konnte, das aber keinesfalls zu heftig ausfallen durfte, weil sonst der ganze Sprengstoff losging, den man ihm umgehängt hatte, oder war die Zärtlichkeit, die der Gefangene in den Fliegenkuss legte, schon ein erstes Symptom des Stockholm-Syndroms und die Geisel auf dem besten Weg, sich in die folternde Fliege zu verlieben, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte.

Verteidigung der Missionarsstellung ist als Hardcoverbei Hoffmann und Campe für ca. 20€ zu haben. Das Taschenbuch hat noch kein Ausgabedatum.

Weitere Rezensionen:

23. April 2014 Belletristik, Neueste Literatur
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Imperium – Christian Kracht (2012)


Christian KRacht wird immer wieder vorgeworfen, er hätte nationalsozialistische Tendenzen in seinem Werken. Das beginnt schon mit seinem Erstlingswerk Faserland, dass einen von der westlichen Konsumgesellschaft gelangweilten Snob durch Deutschland reisen lässt, in 1979 endet der Protagonist in einem chinesischen Gefangenenlager und erweist sich als “guter” Gefangener, in Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten geht es dann einmal tatsächlich um eine alternative Realität in dem ein totalitäres deutsch-englisches Bündnis die Welt versucht zu unterjochen. Und jetzt eben Imperium.

Christian Kracht erzählt die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt aus Nürnberg, der sich um die Jahrhundertwende in die deutschen Kolonien aufmacht, weil er dort hofft, sein Leben als Veganer in Ruhe führen zu können. Und doch wird er, der sich dort ausschließlich von “der göttlichen Frucht” der Kokosnuss ernährt, zum Messias – zumindest für einige wenige. Obwohl dies nun wirklich wenig Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus hat, greift Kracht in die Autoren-Trickkiste wechselt kurzerhand disruptiv die Erzählperspektive und sieht sich geneigt folgendes festzustellen.

einer von Millionen an der Westfront explodierenden, glühenden Granatsplitter bohrt sich wie ein weißer Wurm in die Wade des jungen Gefreiten der 6. Königlich Bayerischen Reserve-Division, lediglich ein paar Zoll höher, zur Hauptschlagader hin, und es wäre wohl gar nicht dazu gekommen, daß nur wenige Jahrzehnte später meine Großeltern auf der Hamburger Moorweide schnellen Schrittes weitergehen, so, als hätten sie überhaupt nicht gesehen, wie dort mit Koffern beladene Männer, Frauen und Kinder am Dammtorbahnhof in Züge verfrachtet und ostwärts verschickt werden, hinaus an die Ränder des Imperiums, als seien sie jetzt schon Schatten, jetzt schon aschener Rauch.

Und an einer anderen Stelle bemüßigt er sogar seinen Protagonisten eines richtig zu stelle:

Engelhardt teilte nicht jene aufkommende Mode der Verteufelung des Semitischen, die der fürchterliche Richard Wagner mit seinen Schriften und seiner schwülstig-komischen Musik wenn nicht initiiert, dann aber allerorten salonfähig gemacht hatte. Es war doch wohl strikt abzulehnen, über Menschen aufgrund ihrer Rasse zu urteilen.

Und das in einem Buch, das an und für sich keinen thematischen Zusammenhang mit dem Nazi-Deutschland hat. Wie immer von Christian Kracht sprachlich höchst brilliant und auf den Punkt dargebracht. August Engelhardt pachtet sich im deutschen Deutsch-Neuguinea – ohne Geld, denn das hat er sich zuvor stehlen lassen – eine kleine Kokosnuss-Plantage und lebt seinen Traum. Die Eingeborenen arbeiten für ihn, er kann als Nudist leben, und die Mangelerscheinung, die durch seine Mono-Ernährung auftreten bemerkt er kaum.

220px-WP_August_Engelhardt_und_Max_LützowEr reist nach Fidschi, weil dort ebenfalls ein Aussteiger Mittenzwey behauptet sich alleine von Licht ernähren zu können, allerdings kann Engelhardt dies als Lüge aufdecken. Er schreibt Briefe an veganische Gesinnungsgenossen und beschreibt, wie das Leben mit der Kokosnuss die Welt verändern kann. Einige kommen auch und überstehen kaum die beschwerliche Anreise. Und auch Engelhardt hat immer stärkere Wahnvorstellungen. Das ist also sein Weg heraus aus

dieser vergifteten, vulgären, grausamen, vergnügungssüchtigen, von innen heraus verfaulenden Gesellschaft, die lediglich damit beschäftigt ist, nutzlose Dinge anzuhäufen, Tiere zu schlachten und des Menschen Seele zu zerstören

Als der erste Weltkrieg ausbricht, nehmen australische Soldaten, die deutsche Kolonie im Pazifik ohne größere Kämpfe ein. August Engelhardt wird enteignet, doch er verzichtet auf das Geld und verschwindet. Erst nach dem zweiten Weltkrieg finden ihn amerikanische Soldaten auf einer einsamen Insel im Pazifik. So bringt er es sogar noch nach Hollywood.

Die Geschichte des August Engelhard will aber auch den Status Aussenseiter der Gesellschaft in dieser Zeit erforschen. Ich persönlich habe mich schon immer gefragt, wie so verrückte Menschen wie Rudolf Steiner, Moritz Schreber, und von mir aus den selbsternannten Propheten Joseph Smith, in solch einer Zeit schon so früh so verrückt werden konnten. Und erfolgreich Menschen hinter sich scharen. Wie eine Nudistenbewegung vor mehr als 120 Jahren entstand. Das wirkt alles ein wenig erklärbarer nach dieser Lektüre.

Imperium wird demnächst bei Fischer als Taschenbuch erscheinen und und dann für ca. 10€ zu haben sein.

Weitere Rezensionen:

www.notebooksbilliger.de
audible.de

Schönerlesen.de

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